30 Mrz
2015

Dramatische Veränderung im Verhalten der Lerner – weder Schule, noch Hochschule oder andere Bildungseinrichtungen sind darauf vorbereitet!

„Dramatische Veränderungen im Lernerverhalten“: Eine derartige Nachricht würde vermutlich eine Krisensitzung nach der anderen in einem Konzern der Konsumartikelbranche hervorrufen. Man würde Marktforscher in Scharen entsenden um herauszufinden, was sich verändert hat und versuchen, auf den neuen Trend aufzuspringen. Nicht so in der Bildungsbranche. Marktveränderungen tun hier keinem weh – oder doch, einigen schon, den freiberuflich tätigen Trainern und Dozenten. Diese Gruppe spürt bereits, dass die Teilnehmerzahlen weniger werden und schließlich ganz ausbleiben.

Was hat zur Veränderung im Lernerverhalten geführt?

Das Internet hat das Verhalten der Lerner massiv und nachhaltig verändert. Jane Hart zitiert in ihrem BlogbeitragLearners are learning differently; are you changing the way you train and support them?“ Studienergebnisse des Pew Research Internet Project, welche am 8. Dezember 2014 veröffentlicht wurden. Darin heißt es:

„Eine große Mehrheit (87%) amerikanischer erwachsener Bürger gibt an, dass das Internet ihre Fähigkeit, neue Dinge zu lernen verbessert habe, 53% meinen sogar, entscheidend verbessert.“

Auch in ihrer eigenen Analyse „Top 100 Tool for Learning Surveys” stellt Jane Hart fest, dass sich Lernen im Internet dramatisch von den derzeit angebotenen traditionellen Trainingsangeboten unterscheidet.

Einige Schlüsselfaktoren zum besseren Verständnis:

Ich habe im Folgenden den Blogbeitrag von Jane Hart frei übersetzt, um diesen Studienergebnissen auch in unserem Sprachraum eine besssere Chance für eine Verbreitung zu geben.

Die Leute sind heute im Dauerlernmodus: Auch berufliches Lernen vollzieht sich heute beständig und lebensbegleitend. Man profitiert vom konstanten Informationsfluss mit Kollegen und in den sozialen Netzwerken, mit denen man über Jahre einen großen Wissenstand und einen teilbaren Erfahrungsschatz aufgebaut hat. Herkömmliches Training hingegen wird als Event begriffen mit einem fixen Beginn und Ende.

Gelernt wird on demand: Gelernt wird, wenn man mit einem Problem konfrontiert wird. Dann suchen die Leute nach schnellen und leichten Lösungen.

  • Niemand will mit der Lösung warten, man möchte sie jetzt um seinen Job zu erledigen.
  • Niemand will auch einen Kurs haben, um sein Problem zu lösen. Man will schlichtweg das Problem beseitigen, um mit der Arbeit weiter zu machen.
  • Man braucht auch keinen Test, um sich zu beweisen, dass man das Problem verstanden hat, denn das weiß man spätesten, wenn man das Problem gelöst hat.
  • Man muss sich auch nicht an den Inhalt erinnern – nur daran, wo man ihn wiederfindet, falls das Problem wiederholt auftritt.

Lernen geschieht in „kleinen Häppchen“: Mundgerechte Lernhappen kurz und bündig. lehrreich und informatv und vor allem praktisch aufbereitet, um sie mit anderen teilen zu können, so sollen Lerninhalte aufbereitet sein. Leute vermeiden heute lange ausführliche Trainings und Kurse, die Zeit brauchen, um sich durchzuarbeiten – aber genau so werden die klassischen Trainings immer noch angeboten.

Lernen ist sozial: Die Leute lernen voneinander und miteinander. Sie teilen und diskutieren ihre Ideen und Erfahrungen. Sie haben sich professionelle Lernnetzwerke aufgebaut und lernen von Quellen, die andere öffentlich auf Youtube oder slideshare ins Netz gestellt haben. Klassische Trainings hingegen sind unterliegen strengen Autorenrechten und werden von „Experten“ entwickelt und durchgeführt.

Lernen geschieht im Arbeitsfluss oder Vorübergehen: Heute müssen die Leute ihre Arbeit nicht mehr unterbrechen um etwas zu lernen. Sie lernen wie sie arbeiten oder nicht arbeiten. Ganz klar, dieses Verhalten wird von Smartphones und Tablets noch verstärkt.

Lernen unterliegt oftmals sogar dem Zufall: Obwohl Weiterbildung auch heute noch absichtlich und geplant geschieht, so lernen die Leute hauptsächlich (80%), weil sie tief in ihre Arbeit versunken sind, mehr zufällig mit Kollegen über ihre Ideen sprechen oder gedankenverloren durch ihre Netzwerke streifen und gar nicht bemerken, was sie soeben Neues gelernt haben. Im herkömmlichen Training hingegen wird nichts dem Zufall überlassen.

Alles in Allem ist Lernen im Internet autonom: Und das ist vermutlich das entscheidende Kriterium schlechthin, denn jetzt haben die Menschen wieder die Kontrolle darüber erlangt, was  und wie sie wann und mit wem lernen. Alle können frei entscheiden, mit wem sie lernen und wieviel Zeit sie einer bestimmten Aktivität widmen, nur abhängig davon, wieviel Wert sie selbst einer Information beimessen, wieviel Interesse sie selbst dafür aufbringen wollen und welchen Beitrag das für ihreberufliche Arbeit bringt. Selbstbestimmt wählen sich die Leute die Inhalte aus und die Menschen, mit denen sie sich austauschen wollen. Oftmals werden sie als selbstbestimmte und intrinsisch motivierte Lerner beschrieben. Das ist klar, denn Autonomie und Eigenverantwortung fördern die intrinsische motivation. Diese Leute meiden seit neuestem klassische Trainingsangeboten, in denen ihnen vorgeschrieben wird, was sie zu lernen haben und wo erwartet wird, dass sie das auswendig Gelernte genauso wieder ausspucken, wie man es ihnen löffelchenweise vorgekaut hat. Ganz viele Leute lernen deshalb heute ihr eigenes Ding. Sie lassen sich nicht mehr vorschreiben, wann sie was zu lernen haben, sondern sie entscheiden selbst über Inhalt, Menschen, Ort und Zeit.

Das ist es, worauf wir uns als Anbieter von  Weiterbildungsmaßnahmen einzustellen haben! Unser markt hat sich von einem Anbietermarkt zu einem Nachfragemarkt gewandelt und unterliegt damit auch den Mechanismen eines solchen Marktes.

Jane Hart bietet dazu auch einen Workshop an, beginnend am 6. April: Modernising Training Content.

 

pwestebbe

peter.westebbe@icloud.com