Person mit tablet
06 Apr
2021

Bis vor ca. einem Jahr haben sich die Leute zum persönlichen Austausch auf Konferenzen, Fachtagungen und Meetups persönlich getroffen. Videokonferenzen spielten eine Rolle im Arbeitskontext, meist in Organisationen mit mehreren Standorten in der Zusammenarbeit weitverzweigter Teams. Und auch von letzteren wurde berichtet, dass die persönliche Zusammenkunft nicht wegfallen durfte, weil nur durch ein „sich in die Augen schauen“ die notwendige Verbindlichkeit herzustellen vermag. Ähnliches steht in den Lehrbüchern zum agilen Projektmanagement: Für eine reibungslose gute Zusammenarbeit ist es ideal in einem Raum zusammenzusitzen, um informell und effizient („osmotisch“) zu kommunizieren. Es muss eine Struktur geschaffen werden, die einen unkomplizierten Austausch unter den Teammitgliedern fördert.

Ein Jahr im Lockdown: Was wir gelernt haben. Ein Review.

Heute, in der Zeit der Pandemie und des Lockdowns sind Videokonferenzen, Online Fachtagungen, Online-Lehrveranstaltungen Alltag geworden. Weder Lehrende noch Lernende hatten Zeit sich auf die neue Situation einzustellen. Ein systematisches Lernen, sich Einstellen und Vorbereiten auf die neue Situation war nicht möglich. Gelernt werden mussten neue Handlungsweisen und Arbeitsprozesse aus dem Stand und wie viele es empfunden haben „im Blindflug“, ohne zu wissen, was sie als nächstes erwartet.

#JOE https://jugend-online-event.de/ , unser diesjähriger großer Webkongress zur Berufsorientierung hat uns gezeigt, dass es Zeit ist, einmal zu inne zu halten und zu reflektieren, was wir gelernt haben, wer was wie gelernt hat und wo der gemeinsame Nenner ist, von dem aus wir weiterlernen können.

Ein Jahr Lockdown und Zusammenarbeit im medialen Raum haben gezeigt, dass die Lernerfahrungen im medialen Raum sehr unterschiedlich sind und insbesondere bei den Teilnehmenden eine große Unsicherheit besteht, wie man sich online außerhalb der Peer Group angemessen verhält. Das ist kein Wunder, denn die verschiedenen Technologien, die für Videokonferenzen eingesetzt werden, muten sehr unterschiedlich an und erzeugen dadurch auch unterschiedliche Wirkungen im persönlichen Erleben. Das muss individuell reflektiert werden und kann erst anschließend in bewusst gesteuertes Verhalten umgesetzt werden. Jedes Tool hat eine eigene Wirkung. Das muss insbesondere den Lehrenden bewusst sein. Jede Veränderung bewirkt Veränderungen im Verhalten der Teilnehmenden. So fördert z.B. ein offener Chat die osmotische Kommunikation untereinander, während ein moderierter Chat die Kommunikation auf die Lehrenden fokussiert.

Der reale und der mediale Raum

Wie war das nochmal früher, wenn wir in einen Raum eingetreten sind für ein Meeting oder einen Workshop? Wie war das, wenn wir ins Klassenzimmer gegangen sind? Wir haben uns begrüßt, wenn wir uns kannten, auch mit unserem Namen. In großen anonymen Konferenzen haben wir wenigstens kurz mit unseren unmittelbaren Sitznachbarn Kontakt aufgenommen und in den Pausen bewusst das Gespräch miteinander gesucht.

So ähnlich müssen wir auch in Videokonferenzen und vor allem in Online Workshops handeln. Die wechselseitige Begrüßung und kurze Vorstellungsrunden dienen dem Vertrauensaufbau und fördern eine gute Arbeitsatmosphäre. Je nachdem um welches Veranstaltungsformat es sich handelt zeige ich mich mehr oder auch weniger.

Wie verhalte ich mich in Videokonferenzen, Fachtagungen und Online Vorträgen mit vielen Teilnehmenden?

Große Veranstaltungen sind oft sehr anonym. Ich schalte mich dazu, höre meist nur zu und stelle mein Fragen per Chat an die Vortragenden. Es ist oft nicht nötig die Videokamera oder das Mikrofon einzuschalten. Es sei denn, der Veranstalter sieht ein anderes Vorgehen, z.B. eine Einteilung in interaktive Arbeitsgruppen, dann gebührt es die Höflichkeit anderen gegenüber, die Webcam und/oder das Mikrofon freizugeben. Möchte man dies nicht, dann sollte man dies im Chat kundtun, vielleicht auch mit der Ergänzung, dass man sich nicht wohl fühle oder sehr müde sei und alle haben Verständnis dafür.

Wie verhalte ich mich im Online Workshop?

Online Workshops sind Veranstaltungen mit einer begrenzten Zahl von meist vorangemeldeten Teilnehmenden. Ein Workshop – das sagt der Name bereits – ist ein Lernangebot, welches auf Interaktivität und damit die Beteiligung aller setzt. In einem Online Workshop kann es zur Zusammenarbeit nur kommen, wenn auch die Bereitschaft dafür da ist. Als Teilnehmende sollte ich mir deshalb klar machen, dass ich im Workshop Webcam und Mikrofon für eine aktive Mitarbeit freigebe und mich auch aktiv beteilige.

Wie verhalte ich mich in hybriden Lernsettings

Deutlich verstärkt hat sich vor allem Im Schulbereich das Angebot an hybriden Lernangeboten. Hybrid wird dann meist so verstanden, dass ein Teil der Lerngruppe vor Ort anwesend ist und ein anderer Teil über den Bildschirm teilnimmt. Ein solches Setting ist eine Herausforderung für den bzw. die Lehrende:n. Inhalte und Interaktionen sind so zu planen, dass beide Gruppen – die Teilnehmenden vor Ort und diejenigen vor ihren Bildschirmen zuhause – sich jederzeit angesprochen fühlen und nicht gelangweilt abdriften. Für die Teilnehmenden an den Bildschirmen ist es selbstverständlich, sich in einem solchen Format mit Bild und Ton dazu zu schalten und das Unterrichtsgeschehen konzentriert zu verfolgen. Aufmerksam bleiben die meisten von uns eher am Schreibtisch sitzend als auf einer Coach liegend. Zudem ist es der Lehrperson und den Lernenden vor Ort gegenüber höflicher und wertschätzender, sich in eine vergleichbare Arbeitsposition zu begeben.

User Experience (UX) verschiedener Technologien

Das Thema User Experience von verschiedenen Webkonferenz-Tools bewegt mich schon lange. User Experience meint, wie wohl die Nutzer:innen – NICHT die Veranstalter:innen und Referent:innen – sich in und mit bestimmten Online Meetingräumen fühlen und wie gut sie mit der Handhabung der technischen Funktionen, z.B. dem Einschalten von Bild und Ton oder dem Schreiben im Chat und auf dem Whiteboard zurechtkommen.

Es gibt derzeit ein großes Angebot an Videokonferenztools auf dem Markt, die vielfach auch in kostenfreien Varianten für den privaten Gebrauch genutzt werden können. In Anmutung und Funktionalität unterscheiden sie sich sehr. Design und Funktionalität haben jedoch große Auswirkungen auf das Verhalten der Nutzer:innen. M.E. wird dieser Gesichtspunkt nicht ausreichend bis gar nicht berücksichtigt bei der Auswahl der jeweiligen Technologien. Meines Wissens gibt es auch keine Forschung hierzu. Das wäre einmal ein sehr spannendes Thema für eine neutrale Studie mit hilfreichen Erkenntnissen für die Lehre.


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Gabriela Westebbe

gb@samanthanet.de