08 Mrz
2021

Lerntagebücher haben keinen besonders guten Ruf. Für die meisten sind sie eher abschreckend, wirken altmodisch und von fragwürdigem Nutzen. Daher ist die Ablehnung und Skepsis zunächst hoch. Es wird zwar begonnen, aber meist sehr unregelmäßig und wie eine ungeliebte Pflicht, was dazu führt, dass das Lerntagebuch seinen Nutzen nicht entfalten kann. Daher wird der Begriff Lerntagebuch oft durch einen anderen ersetzt in der Hoffnung, damit die Barriere zu umgehen. Meist hilft das nur kurzfristig. Doch wenn der Nutzen eines Lerntagebuchs einmal erkannt wurde, spielt es keine Rolle mehr, welchen Begriff man gewählt hat.
Es gibt eine ganze Reihe von Vorlagen zu Lerntagebüchern. Allerdings sind die meisten davon im Wesentlichen Berichtshefte, die für diese Aufgabe nicht viel taugen.
Im Prinzip soll ein Lerntagebuch wie ein Tagebuch geführt werden. Sein Inhalt gehört nur dem Eigentümer, in diesem Fall den Schüler*innen. Nur sie können und dürfen darüber bestimmen, was sie davon freigeben und für wen.
Ob ein Lerntagebuch mit Papier und Bleistift oder Online geführt wird, hängt daher nur von den Präferenzen der Schüler*innen ab. Es gibt auch Mischformen, die beliebt sind und bei denen ausgewählte Inhalte online geführt werden, alles andere aber offline.
Entscheidend ist nicht das Format, sondern einzig und allein, ob es gelingt das Führen des Tagebuchs zu einer Gewohnheit zu machen wie das Zähneputzen. Das kann aber nur gelingen, wenn der Nutzen des Tagebuchs erkannt wird. Das klingt banal, ist aber gar nicht so einfach, da es vor allem um den emotionalen Nutzen geht.
Emotionaler Nutzen:
• Es schließt das Lernen dieses Tages ab und macht damit frei für anderes ohne das belastende Gefühl, man hätte noch etwas tun sollen oder man hätte etwas vergessen, weiß aber nicht mehr was.
• Es ist eine Form intellektueller Hygiene. Man pflegt damit seinen Geist mit dem Gefühl, etwas Gutes für sich zu tun.
• Man sieht, was man schon alles geschafft hat und hat damit einen Überblick und sieht auch, worauf man stolz sein kann. Dies ist ein befriedigendes Gefühl.
• Man gewinnt die Kontrolle über seine Aktivitäten, eine Voraussetzung für die Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lernprozess. Damit verbunden ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit und eine Verbesserung des Selbstwertgefühls.

Intellektueller Nutzen:
• Das Lernen wird nachhaltiger, da es ständig reflektiert wird. Jeder Eintrag ist bewusst oder unbewusst das Ergebnis einer Reflektion.
• Die Vorbereitung auf die Prüfung wird einfacher. Durch die Zusammenstellung nach Schlüsselbegriffen entsteht ein Bild des eigenen Wissens. Durch das Lesen selbst formulierter Texte, werden die Inhalte „getriggert“ und sind damit aus dem Gedächtnis leichter abrufbar.

Ein Lerntagebuch sollte nicht beendet sein, wenn der Kurs abgeschlossen und die Prüfung bestanden ist. Ob an einer weiterführenden Schule, in der Ausbildung oder auch an der Universität ist es weiterhin von großem Nutzen. Gerade, wenn man wieder das Gefühl hat nicht weiterzukommen, ist allein das Durchsehen, Scrollen oder Durchblättern unendlich hilfreich, da es den Blick wieder auf das richtet, was man alles schon geschafft hat.

Der Einstieg in das Führen eines Lerntagebuchs ist meist das größte Hindernis. Erleichtert wird er durch ein Gerüst von zumeist drei Fragen, die jeden Abend beantwortet werden sollen:
1. Was habe ich heute gelernt?
2. Was ist mir unklar geblieben oder habe ich nicht verstanden?
3. Wo möchte ich mehr wissen?
Es ist wichtig zu verstehen, dass hier keine langen Texte geschrieben werden müssen. Meist genügen ein, zwei Sätze oder auch nur Stichworte.
Mit der Zeit erweitert sich das Lerntagebuch auch durch Links zu Webseiten oder auf YouTube, auf soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, Tumblr usw.
Gerade diese Verbindung mit Netzwerken macht das Lerntagebuch wertvoll, erfordert aber die elektronische Variante.
Eine gute Unterstützung kann über intelligente Chatbots erfolgen, die mit den Lernenden in Kontakt treten, bei den Lerntagebüchern helfen, Fragen stellen und Hinweise geben. Chatbots können eine ganze Reihe von Aufgaben übernehmen, die über die Unterstützung beim Führen eines Lerntagebuchs hinausgehen und die Lehrenden immens entlasten.

Dr. Peter Westebbe

peter.westebbe@icloud.com